Russland mal anders

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Spaso-Preobrazhensky Cathedral in Pereslavl-Zalessky.

Diesmal mit einem Gastbeitrag von Valentina Essl, russische Übersetzerin.

 

Stellen Sie sich vor, Sie haben die Möglichkeit, eine Reise nach Russland zu machen – was würden Sie sehen wollen? Sicher denkt man sofort an die geschichtsträchtige Hauptstadt Moskau und an Sankt Petersburg, der Perle des Nordens, die auch gerne als die russische Kulturhauptstadt bezeichnet wird. Keine Frage, beide Städte sind absolut sehenswert.

 

Wenn man über Russlands Reiseziele weiter nachdenkt, kommt man vielleicht auf Sibirien, mit dem Naturwunder Baikalsee und der transsibirischen Eisenbahn. Die Sehnsucht deutschsprachiger Reisender nach sibirischen Weiten ist ein von vielen Russen bestauntes Phänomen, da die meisten Russen und Russinnen für ihren Urlaub doch lieber exotische Inseln und Shopping-Metropolen bevorzugen. Dazu meint der spitzzüngige deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer, dass die Anzahl auf Deutsch geschriebener Bücher und Broschüren über Sibirien um das Vielfache alles übersteigt, was sämtliche russische Schriftsteller zu dieser Region geschrieben haben.

 

Doch die zwei Hauptstädte befinden sich auf dem äußeren Streifen im Westen des Landes, und Sibirien beginnt erst nach dem Ural-Gebirge. Was mit dem Stück Land dazwischen, das immerhin 2.000 km breit ist? Ich denke, es lohnt sich, einen Blick auf die vor dem Ural gelegenen kulturhistorischen Schätze zu werfen, zudem der Großteil der russischen Bevölkerung dort wohnhaft ist und diese seit Jahrtausenden besiedelten Territorien im Allgemeinen für Russland repräsentativer sind als die Hauptstadt oder die menschenleere Einöde Sibiriens. Hier möchte ich ein paar Highlights vorstellen, die zwar touristisch keine wirklichen Geheimtipps mehr sind, aber Sie werden wohl nicht viele Menschen in Ihrem Bekanntenkreis finden, die dort schon mal waren. Man muss sich hier auch nicht vor der sagenhaften Kälte fürchten - in Russland ist es nicht nur kalt!

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(c) Путешествие по «Золотому Кольцу»

Goldener Ring wird eine Gruppe kleiner bis mittelgroßer Städte nord-östlich von Moskau genannt, die sich gut für eine Rundreise eignen - das passt notfalls auch in ein Wochenende, es bietet aber auch genug Programm für eine entspanntere, zweiwöchige Reise. Diese Gegend birgt in sich die Wunder altrussischer Architektur: die Kirchen des frühen russischen Christentums, traditionelle russische Festungen (Kremls), musikalische Glockentürme, aber auch bezaubernde See- und Waldlandschaften. Die Bauten, welche die zahlreichen Turbulenzen der russischen Geschichte überstanden haben, stammen teilweise aus dem 12. Jahrhundert. Diese durchaus empfehlenswerte Rundreise wird in vielen Moskauer Reisebüros auch gerne auf Deutsch angeboten.

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Kischi heißt eine Insel im Onega-See im Norden Russlands, die für ganz besondere antike Bauten bekannt ist: Die Holzbauten wurden ohne (Eisen-)Nägel errichtet! Diese Bauwerke faszinieren durch ihre Komplexität, Pracht und Größe. Die Verklärungskirche aus dem 17. Jhd. (siehe Bild) ist 35 m hoch und hat 22 Zwiebeltürme. Im Jahr 1990 wurde dieser einzigartige Baukomplex zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Sehenswert ist auch das Freilichtmuseum, in welches etliche Kapellen, nordisch-russische Wohn- und Wirtschaftshäuser sowie Gegenstände aus dem russischen Mittelalter gebracht wurden.

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Die Besichtigung von Kischi erfolgt meistens im Zuge einer Schiffsreise (beginnend in Sankt-Petersburg oder Moskau), wobei man unterwegs etliche historische Stätten besichtigt und die ruhige russische Landschaft genießt.

 

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Kazan ist eine an der Wolga gelegene Millionenstadt, die vor gut tausend Jahren gegründet wurde. Sie ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan in Russland (Anm.: die Staatsform Föderation bedeutet, dass es innerhalb des Landes relativ eigenständige Republiken mit eigenen Präsidenten gibt).

 

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Wenn man Kazan besichtigt, lernt man viel über die Geschichte und Expansion Russlands, aber vor allem über die Entwicklung und das Zusammenleben zahlreicher Religionen in Russland. Die Bevölkerung besteht zu 47 % aus Tataren, die vorwiegend muslimisch sind. Eine weitere große nationale Gruppe sind Russen, die traditionell der Russisch-Orthodoxen-Kirche angehören. Die Stadt gilt als Zentrum des russischen Islams, 2005 wurde dort die größte Moschee Europas errichtet. Außerdem kann man in Kazan eine farbenfrohe „Kirche aller Religionen“ bestaunen (der bunte Bau auf dem Bild unten). Viele alte Bauten stammen aus dem Mittelalter und der Neuzeit und wurden vor ein paar Jahren anlässlich des Stadtjubiläums renoviert. Um die Stadt für Gäste attraktiv zu machen, hat man sich auch um gute touristische Infrastruktur und Verbindungen mit allen Großstädten bemüht.

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Gespannt, was noch kommt? Nächste Woche gibt es Teil 2!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jörg (Mittwoch, 14 Januar 2015 09:30)

    Danke für deinen interessanten Beitrag und die tollen Bilder, Valentina. Habe schon viel gehört vom Goldenen Ring und war auch schon in Vladimir und Kazan. Ich finde deinen Artikel sehr gelungen, weil er einen prägnanten Überblick über lohnende Reiseziele in Russland gibt. Hätte es deinen Artikel 2007 schon gegeben, hätte ich mir bei meinem Kurzbesuch in Kazan die "Kirche aller Religionen" nicht entgehen lassen...