Ein polnisches Dorf?

Polen



In ihrem zweiten Beitrag bringt uns Übersetzerin Agnieszka Bidas spannende Aspekte der polnischen Sprache & Kultur näher.

Polnische Sonderzeichen
Polnische Sonderzeichen.

Sprache


Polnisch gilt als die slawische Sprache mit den meisten Zischlauten. Wer sie erlernen möchte, braucht Durchhaltevermögen, denn unter den slawischen Sprachen erfordert Polnisch zweifelsohne den meisten Lernaufwand. Zu jeder grammatikalischen Regel gibt es eine Reihe von Ausnahmen und die polnischen Laute gehen nur wenigen Lernenden leicht über die Lippen. So mancher ist schon an dem bekannten Zungenbrecher: „W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie” (In Szczebrzeszyn brummt der Käfer im Schilf) gescheitert. Dies sollte dennoch niemanden davon abhalten, sich mit dieser schönen, wenn auch schwierigen Sprache zu beschäftigen, denn jeder noch so unbeholfene Versuch, Polnisch zu sprechen, stößt in Polen auf große Begeisterung.


Kultur & Kommunikation


Um sich in einem Land besser zurechtzufinden, sind neben der Sprache, ihren grammatikalischen Formeln und Ausspracheregeln auch kulturelle Normen und Standards zu beachten, die das Handeln und Denken der Menschen bestimmen. Nachfolgend werden einige kulturelle Charakteristika erläutert, die jedem, der in Polen lebt, arbeitet oder nach Polen reisen möchte, als Orientierung dienen sollen.

Begrüßung

 

„Guten Tag, Herr Kowalski!“ Kann eine einfache Begrüßung für Irritationen sorgen? Ja, das kann sie, denn die direkte Anrede mit Nachnamen wirkt in Polen befremdlich und symbolisiert einen niedrigeren gesellschaftlichen Status. Gemäß adeliger Tradition werden unbekannte Personen nur mit ihrem Titel bzw. ihrer Funktion angesprochen, z.B.: pani dyrektor – Frau Direktor, panie premierze – Herr Premierminister. Dabei ist es üblich, alle Titel aufzuwerten. So wird man beispielsweise einen Oberstleutnant als Oberst ansprechen. Personen gleichen Ranges reden sich hingegen mit pan (Herr) oder pani (Frau) plus Vornamen an. Früher wurden nur Bauern und Personen mit einem niedrigerem sozialen Status mit ihren Nachnamen angesprochen. Daher kommt die Anrede mit pan/pani plus Nachnamen, wie es in vielen Ländern üblich ist, in Polen einer Beleidigung nahe.

 

Personenorientierung

 

Die polnische Kultur ist durch eine geringe Trennung zwischen Sache und Person gekennzeichnet. Daher fühlen sich Polen durch Kritik an der von ihnen geleisteten Arbeit oft persönlich angegriffen. Der Glaube an das Individuum und die persönliche Würde waren zu Zeiten der Adelsrepublik und der Besatzungen von besonderer Bedeutung. Oft waren diese Werte das Letzte, was den Menschen blieb. Aus diesem Grund herrscht in der polnischen Kultur eine Scheu vor offenen und allzu kritischen Äußerungen, was sich vor allem im zwischenmenschlichen Kontakt wiederspiegelt. Nach Möglichkeit werden alle Situationen vermieden, die für das Gegenüber beleidigend oder gar verletzend sein könnten. Beispielsweise fällt es Polen oft schwer, direkt „nein“ zu sagen. Um den anderen nicht enttäuschen zu müssen, wird eine Bitte manchmal auch dann angenommen, wenn sie nicht erfüllt werden kann.

 

Indirekte Kommunikation

Indirekter Kommunikationsstil

 

Polen pflegen eine vorsichtige Kommunikation, die zahlreiche Andeutungen enthält und meist mehr verschweigt als sie preisgibt. Aufgrund der Zurückhaltung und Vorsicht in der Kommunikation kann man vieles nur zwischen den Zeilen lesen. Diese mehrdeutige und subtile Ausdrucksweise war während der Besatzungszeit die einzige Möglichkeit, seine politische Meinung unbestraft zum Ausdruck zu bringen. Deshalb wird dem Kontext, in dem die Kommunikation stattfindet, große Bedeutung beigemessen. Wichtig ist dabei auch der persönliche Kontakt, weil man sich einerseits aus kleinen Andeutungen ein Bild der gesamten Situation machen kann. Andererseits ist es oft der einzige Weg, um an wichtige Informationen zu gelangen, denn in Polen werden Informationen meist inoffiziell weitergegeben. Dieses Phänomen ist ebenfalls auf die Besatzungszeit zurückzuführen, in der viele Aktivitäten im Untergrund stattfanden und geheim gehalten werden mussten. Um den Zugang zu Informationen zu kontrollieren, wurden inoffizielle Kommunikationswege genutzt und gleichzeitig eine subtile Kommunikationsform gewählt. Eine direkte und unmissverständliche Ausdrucksweise kann in Polen als harsch und rücksichtslos wahrgenommen werden.

 

Freiheitsliebe und flexibler Umgang mit Regeln

 

Im Laufe der Geschichte hat Polen mehr als nur einmal seine Unabhängigkeit verloren. Daher hat die schwer erkämpfte Freiheit einen hohen Stellenwert in der polnischen Kultur. Dies kommt in verschiedenen Lebensbereichen zur Geltung wie z.B. im Umgang mit Regeln und Strukturen, die Polen oft als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit betrachten. Vorschriften und Gesetze werden eher als grobe Richtlinien gesehen, die flexibel gehandhabt und an die jeweilige Situation angepasst werden, wenn es erforderlich erscheint. Die Realität wird als zu komplex und die Zukunft als zu ungewiss aufgefasst, als dass man sie vorhersehen und planen könnte. Durch die über lange Zeit unsicheren und instabilen Rahmenbedingungen waren Flexibilität, Kreativität und Improvisationstalent unerlässlich und werden auch heute noch als Zeichen von Lebenstüchtigkeit wahrgenommen. Das Festhalten an Strukturen und Vorgaben ist für Polen deshalb unpraktisch und realitätsfremd.


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