Die feine englische Art - oder Schlangen in England

UK, England, typical doors
(c) Hannah Käfel, 2012



In diesem Kulturmonat erzählt uns Übersetzerin Magdalena Käfel von ihren Erfahrungen im Land der Queen.


In Teil 1 bringt sie uns auf amüsante Weise die englische Kultur näher.


Viel Spaß beim Lesen!


Doppeldeckerbus, Queuing
(c) Hannah Käfel, 2012

Die Engländer bzw. die Briten haben ja bekanntermaßen den Ruf, besonders höflich zu sein. Es wird artig gegrüßt (dabei ist je nach Tageszeit ein angemessener Gruß zu wählen), gedankt und „Bitte“ gesagt, man entschuldigt sich im Zweifelsfall einmal zu oft und vieles wird mit „lovely“ oder „brilliant“ kommentiert. Dies gibt im Alltag eine gewisse Sicherheit bei den zwischenmenschlichen Beziehungen, kann aber – vor allem als geradliniger Österreicher, der auch gerne mal einfach ehrlich grantig ist – auch von Zeit zu Zeit ein wenig seltsam anmuten. Man muss die feine englische Art aber einfach schätzen und ihren eigenen charmanten, leicht steifen Charakter lieben. Ich habe nämlich selbst in den eineinhalb Jahren, die ich in England gelebt habe, bemerkt, dass mir eben diese „nervige“ und teilweise scheinbar übertriebene Höflichkeit plötzlich abging, wenn ich wieder einmal in Österreich zu Besuch war, und beispielsweise mein Einkauf im Supermarkt von der Verkäuferin nicht mit einem unverbindlichen „lovely“, sondern mit einer tagesverfassungsbedingten schlechten Laune quittiert wurde.


BBC apology

Das Nächste, was einem als Nichtbriten recht schnell auffällt, ist das ständige Entschuldigen. Es ist natürlich nett, wenn sich jemand entschuldigt, weil er oder sie in einer Menschenansammlung einen Mitmenschen anrempelt oder diesen im Supermarkt mit dem Einkaufswagen über den Haufen fährt. Das ist ja auch irgendwie logisch. Interessant wird es dann, wenn man selbst rempelt oder jemanden über den Haufen fährt, und sich dann der davon Betroffene entschuldigt. Würde man darauf mit „no, I’m sorry“ antworten, kann man sich relativ sicher sein, ein vehementes „no, I’m sorry“ zurückzubekommen. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich dieses „Spiel“ nie ganz durchschaut habe – vielleicht entschuldigt sich derjenige, der mit dem Einkaufswagen überfahren wurde auch deshalb, weil er den Rowdy auf seine Missetat hinweisen wollte?


Dazu fällt mir eine Begebenheit ein, die sich in meinem „Local“ (also dem Pub um die Ecke) zugetragen hat: In meiner Ungeschicktheit hatte ich einen Barhocker umgestoßen, der daraufhin auf einen Herren, der an der Bar saß, fiel. Seine Reaktion war es, den Hocker wieder aufzustellen und sich mit einem freundlichen „Oh, I’m sorry love“ an mich zu wenden. Meine Antwort (kurz die englischen Gepflogenheiten vergessend) war: „Why are you sorry? I just threw a chair at you!“. Nachdem auf diese Reaktion lediglich ein pikiertes Schweigen folgte, besann ich mich eines Besseren und sagte, „No, I’m sorry“. Und die Welt war wieder in Ordnung. Es ist wohl geschickter oder – zumindest in den Augen der Engländer – höflicher, sich einmal zu viel als einmal zu wenig zu entschuldigen.

Please join this queue

Und dann ist da noch ein einzigartiges Phänomen, das man an den verschiedensten Orten in England beobachten kann – Schlangen! Nicht etwa exotische Reptilien, sondern Menschenschlangen. Kein anderes Volk scheint es so gut wie die Briten zu verstehen, sich geordnet und diszipliniert für eine Sache anzustellen. Sprachlich ist hier anzumerken, dass die Schlange als „queue“ bezeichnet wird (im amerikanischen Englisch heißt es „line“) und das Schlangestehen an sich als „queuing“ (der inoffizielle Nationalsport der Briten?). Wird man nicht von Schildern („Please queue here“, „Queue this way“ etc.) darauf hingewiesen, sich bitte anzustellen, so kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass irgendjemand dies auf höfliche, aber bestimmte Art und Weise machen wird.


Hier erinnere ich mich gerne an den ersten Pubabend nach meiner Ankunft in Cambridge im Juli 2011 zurück: Vor der Bar hatte sich eine ordentliche Schlange gebildet und alle warteten geduldig, bis sie dran waren. Dem Barkeeper schien es jedoch ein wenig zu ordentlich abzulaufen (tatsächlich erfuhr ich später von einem Bekannten, dass die Briten dann, wenn es um ihr Bier geht, eigentlich jegliche Etikette vergessen), und er rief in den Raum hinein, warum sich denn alle so brav anstellten. Das Aufnehmen der Bestellungen war ihm dadurch wohl etwas zu langsam. Als Antwort kam die Stimme einer jungen Frau von weiter hinten in der Schlange: „We are English, that’s what we do!“


Während meiner weiteren Zeit in England habe ich dann unzählige Male die Frage „Is this the queue?“ gehört und mir sogar Gedanken darüber gemacht, ein kleines Sozialforschungsexperiment durchzuführen. In diesem wollte ich irgendwo mitten auf einem Platz mit ein paar Leuten eine Queue starten, um zu sehen, ob sich vielleicht jemand hinter uns anstellen würde. Oder uns zumindest fragt, wofür wir uns anstellen. Es war natürlich eher ein Spaßthema – nachdem ich aber mit einigen englischen Freunden darüber gesprochen hatte, war der allgemeine Konsens, dass das Experiment höchstwahrscheinlich gelingen würde. „We do love a good queue“ war eine der Kernaussagen in diesem Zusammenhang. Ich bin der Meinung, dass man sich von dieser Angewohnheit der Briten auch hierzulande ein Scheibchen abschneiden könnte, wenn auch vielleicht nicht in einem solchen Ausmaß, dass man vor der Handtasche der betagten Dame oder dem Spazierstock des älteren Herren an der Bushaltestelle in Deckung gehen muss, wenn man sich einmal nicht an die „strenge Etikette“ des Queuing hält.


Wortschatzerweiterung:

queue-jumping [uncountable] British English

when someone unfairly gets something before other people who have been waiting longer

(Quelle: http://www.ldoceonline.com/)


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