Wo die Gesetze interpretiert werden – Die amerikanischen Gerichte

Washington Monument, Washington, D.C.
Washington Monument, Washington, D.C.





US-amerikanische Krimiserien erfreuen sich auch hierzulande großer Beliebtheit. Ein Teil davon spielt in Gerichtssälen. Übersetzerin Martina Roland gibt uns im zweiten Teil ihres Gastbeitrages Einblicke in die Realität bzw. die Abläufe dieser Gerichte.

Im Rahmen des Kurses über US-amerikanisches Recht, an dem ich teilnahm, unternahmen wir auch einen Ausflug in eines der Bundesgerichte, die neben den Landesgerichten existieren und Fälle behandeln, die der Verfassung nach amerikaweit Bedeutung haben und nicht auf einen Bundesstaat beschränkt sind. Hier beginnt der Rechtsweg, der nach mehrmaliger Berufung bis zum Supreme Court führen kann.

Portal des U.S. Supreme Court
Portal des U.S. Supreme Court mit der Aufschrift „Equal Justice Under Law“.

Der Supreme Court pausiert über die Sommermonate. Dennoch lohnt sich ein Besuch, denn es werden von gut ausgebildeten Mitarbeitern stündlich Vorträge zum Rechtssystem und der Arbeitsweise dieses Höchstgerichts gehalten, wofür man sogar im Sitzungssaal Platz nehmen darf.


Das Portal des Supreme Court ist mit seinen großen hellen Säulen eindrucksvoll. Auch hier spürt man sofort die Bedeutung, die diesem Gerichtshof zukommt. Die mündlichen „Verhandlungen“ sind öffentlich, und so kann jedermann einer solchen beiwohnen, wenn man – vor allem bei „populären“ Fällen – bald genug vor Ort ist, um einen Platz zu ergattern. Der Supreme Court besteht gemäß der Verfassung aus neun Richtern, Justices genannt, die durch Mehrheitsbeschluss über etwa 80 Fälle pro Jahr entscheiden. Der wohl entscheidendste Fall dieses Jahres war Obergefell v. Hodges, in dem die gleichberechtigte Anerkennung und Gewährung der gleichgeschlechtlichen Ehe USA-weit vorgeschrieben wurde. Gegner dieses Urteils protestieren noch heute mit Plakaten vor dem Gebäude des Supreme Court.

Sitzungssaal im Supreme Court
Sitzungssaal im Supreme Court.

Das Recht ist jedoch keineswegs gesellschaftsfremd oder losgelöst von Zeit und Ort verständlich. Denken wir nur an die Geschichte der USA und Gerichtsentscheidungen, die Sklaverei erlaubten oder Rassentrennung vorschrieben und die später revidiert wurden, und Leben und Gesellschaft grundlegend veränderten. Doch es sind nicht nur diese Urteile und Entscheidungen, die um die ganze Welt gehen, die das Leben und die Menschen in Amerika – und somit oft weltweit – prägen. Vor Gerichten wird auch entschieden, wie hoch Gebäude in den Himmel ragen dürfen (in Washington nicht höher als das Kapitol, darum gibt es hier auch keine der berühmten amerikanischen Wolkenkratzer) oder wie heiß Kaffee maximal sein darf, um nicht als unnötig heiß qualifiziert zu werden.


Kurzum, das Rechtssystem eines Landes sagt mehr über die Kultur und die Wertvorstellungen der Bevölkerung aus als manchen bewusst ist. Es zeigt aber auch den Wandel, zu dem die Gesellschaft fähig ist, wie man am Beispiel der gleichgeschlechtlichen Ehe leicht erkennen kann. Entscheidungen selbst des Supreme Court sind niemals in Stein gemeißelt, sondern passen sich im Laufe der Zeit der Entwicklung der Menschen und ihrer Ideen und Werte an. Das ist einer der Faktoren, der dieses Gebiet für mich so spannend und faszinierend macht.

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